Mit Rollstuhl im Schnee

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Schnee ist für viele Romantik. Für mich ist er erst einmal das: eine logistische Herausforderung.

Wenn draußen alles weiß ist, ist es still, schön – und plötzlich sehr rutschig. Wege verschwinden. Bordsteine werden zu Überraschungspaketen. Und mein Rollstuhl bekommt ungefragt Winterreifen-Feeling, obwohl er dafür nie unterschrieben hat.

Da ich nie allein unterwegs bin, praktisch immer eine Begleitperson dabei habe, fühlt sich Schnee manchmal wie ein gemeinsames Experiment an: Gehen wir hier lang? Oder drehen wir lieber gleich wieder um? Was im Sommer ein normaler Weg ist, wird im Winter zur Abenteuerroute. Kleine Hügel werden zu Bergen. Pfützen zu Eisflächen. Und jeder abgesenkte, sichtbar freie Bordstein fühlt sich an wie ein kleines Geschenk.

Der Schnee macht deutlich, was sonst gut versteckt ist: Wie sehr Teilhabe vom Wetter abhängt. Wie schnell das letzte bisschen Selbstständigkeit zur Gemeinschaftsarbeit wird. Und wie viel Planung in einem scheinbar spontanen Spaziergang steckt.

Es gibt Momente, da bin ich genervt. Wenn die Räder stecken bleiben. Wenn sich der Schnee zwischen den Reifen festsetzt. Wenn der Weg plötzlich endet, weil niemand geräumt hat.

Und dann gibt es diese anderen Momente: Wenn die Sonne auf dem Schnee glitzert. Wenn alles ruhig wird. Wenn ein fremder Mensch fragt, ob er helfen kann – ohne Drama, ohne Mitleid, einfach selbstverständlich. Wenn wir ankommen und denken: Okay, das war jetzt wirklich ein kleines Abenteuer.

Schnee ist für mich kein Feind. Aber er ist ehrlich. Er zeigt, wie schwierig Barrierefreiheit ist. Und wie wichtig Menschen sind, die mitdenken.

Mit Rollstuhl im Schnee unterwegs zu sein heißt nicht, dass alles schwer ist. Es heißt, dass vieles langsamer wird. Dass man genauer hinschaut. Dass man sich über Dinge freut, die andere kaum bemerken: einen geräumten Gehweg, eine offene Tür, eine helfende Hand zur richtigen Zeit. Vielleicht ist das das eigentlich Schöne daran. Nicht die Kälte. Nicht das Rutschen. Sondern die Momente dazwischen: Lachen, Teamwork und dieses Gefühl, trotz allem draußen unterwegs zu sein.

Schnee bleibt kompliziert. Aber er bringt auch Geschichten mit. Und manchmal reicht das schon.

Und dann kommt der heimliche Epilog jedes Schneeabenteuers: der Rollstuhl braucht erst einmal Wellness.

Jacke aus, Schuhe aus – und der Rollstuhl bekommt seinen eigenen Spa-Moment. Abtrocknen, Räder wischen, den Boden retten, bevor er sich in eine kleine Winterlandschaft kurz nach der Schneeschmelze verwandelt.

Man könnte sagen: Der Ausflug endet nicht an der Haustür, sondern mit dem Geräusch von Putzlappen auf Laminat. Ein bisschen nervig. Aber auch irgendwie komisch. Denn selbst der Schnee reist bei mir nicht still und heimlich ab.

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