Querschnittgelähmt sein heißt nicht, aufzuhören Mensch zu sein

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Ich sitze im Rollstuhl. Dieser Satz reicht für viele schon aus, um sich ein Bild von mir zu machen. Oft ist es ein sehr kleines Bild, voller Annahmen, Mitleid oder auch Bewunderung. Meistens ohne mich gefragt zu haben.

Was man sieht, ist der Rollstuhl. Was man nicht sieht, ist der Mensch darin.

Querschnittgelähmt zu sein verändert vieles – aber eben nicht alles. Es verändert Wege, Abläufe, Prioritäten. Es verändert, wie ich plane, wie ich mich bewege, wie ich Hilfe annehme oder ablehne. Aber es löscht nicht meine Persönlichkeit, meine Meinung, meinen Humor oder meine Wut.

Ich schreibe nicht, um zu inspirieren. Nicht, um Mut zu machen. Nicht, um irgendwem zu beweisen, wie „stark“ ich bin. Ich schreibe, weil Aufklärung fehlt. Weil Sichtbarkeit fehlt. Und weil sich Dinge nur ändern, wenn wir aufhören, wegzusehen.

Viele denken bei einem Rollstuhl an Stillstand. Dabei ist mein Alltag oft alles andere als ruhig. Jeder Ausflug braucht Planung. Jeder Bordstein kann ein Hindernis sein. Jeder Aufzug, der nicht funktioniert, entscheidet darüber, ob ich irgendwo teilnehmen kann oder nicht. Barrieren sind selten spektakulär – sie sind einfach da. Ständig und überall.

Und dann sind da die Barrieren in den Köpfen.

Gut gemeinte Sätze wie „Ich könnte das ja nicht“ oder „Du bist so tapfer“ sagen oft mehr über das Gegenüber aus als über mich. Als ob ich mir dieses Handicap ausgesucht hätte, wie einen Beruf oder Kleidung. Mitleid macht nicht barrierefrei. Bewunderung auch nicht. Was hilft, ist Zuhören. Ernst nehmen. Und akzeptieren, dass ein Leben im Rollstuhl weder Tragödie noch Heldengeschichte ist, sondern ein Leben – mein Leben.

Es gibt Tage, an denen ich stark bin. Und Tage, an denen ich müde bin. Tage, an denen ich kämpfe. Und Tage, an denen ich einfach nur meine Ruhe will. All das darf gleichzeitig existieren. Ich bin nicht verpflichtet, immer positiv zu sein, nur damit andere sich wohler fühlen.

Besonders unsichtbar bleibt oft die emotionale Seite. Der Verlust von Spontanität. Die Abhängigkeit von funktionierender Infrastruktur. Die ständige Notwendigkeit, sich erklären zu müssen. Oder sich eben bewusst dagegen zu entscheiden und dann als „unfreundlich“ zu gelten.

Ich schreibe für Menschen, die selbst betroffen sind und sich vielleicht wiedererkennen. Für Angehörige, die verstehen wollen, ohne alles verstehen zu müssen. Und für eine Gesellschaft, die noch viel zu oft über Inklusion spricht, ohne sie zu leben.

Veränderung beginnt nicht mit großen Reden, sondern mit kleinen, ehrlichen Blicken auf die Realität. Mit der Frage: Wer wird hier gerade mitgedacht – und wer nicht?

Dieser Blog soll genau dafür Raum schaffen. Für Unbequemes. Für Widersprüche. Für Erfahrungen, die nicht in Broschüren stehen. Ich schreibe über Alltag, über Sprache, über Beziehungen, über Barrieren – sichtbare und unsichtbare. Nicht stellvertretend für alle, sondern aus meiner ganz persönlichen Perspektive.

Der Rollstuhl ist Teil meines Lebens. Aber er ist nicht die ganze Geschichte. Und es ist Zeit, dass wir anfangen, genauer hinzusehen.

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